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Grüne Hoffnung im Rust Belt

Keno Westhoff
Einige Gewächshäuser von RecoveryPark, dahinter die Skyline von Detroit.

Foto: RecoveryPark.

Detroit dient in der Presse häufig als Illustration für verarmte und verkommene US-amerikanische Städte. Nicht ohne Grund heißt der damalige Manufacturing Belt heute Rust Belt. Einst war die Region entlang der Great Lakes bis an die Ostküste das Herz der US-amerikanischen Industrie. Doch ähnlich wie im deutschen Ruhrgebiet hat auch im Rust Belt der Strukturwandel zugeschlagen. Die Stadt Detroit ist insbesondere für seine Autoindustrie bekannt. Das war das Pferd, auf das die Stadt einzig und allein setzte. Bereits in den 1960ern aber waren Chrysler, Ford und General Motors nicht mehr so gefragt. Das Resultat sind leerstehende Industriebauten und eine hohe Armutsquote in der Bevölkerung. „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“, heißt es bei Bertolt Brecht. Der Satz traf auch in Detroit zu. Die Kriminalitätsrate stieg mit der Armut.
Das gemeinnützige Unternehmen RecoveryPark wollte Impulse gegen diese Entwicklung setzen. Es kaufte leerstehende Grundstücke und errichtete Gewächshäuser. Der wichtigste Punkt ist aber die Unternehmensorganisation, die auf soziale und ökologische Nachhaltigkeit setzt. Um als Angestellte*r beschäftigt zu werden, werden keine Vorkenntnisse benötigt. Insbesondere ehemalige Strafgefangene und Drogenabhängige werden eingestellt. Die Erträge werden ausschließlich regional vertrieben, größtenteils an die Gastronomie und den Einzelhandel. RecoveryPark versteht unter „regional“ einen für Deutschland relativ üppigen 500 Kilometer-Radius, in dem die Abnehmer*innen liegen müssen. Spätestens 48 Stunden nach der Ernte sollen die Produkte geliefert sein. Das Unternehmen lief erfolgreich und expandierte. Neue Gewächshäuser baute RecoveryPark, die komplett ohne Gartenerde auskommen. Stattdessen wurde auf Hydroponik gesetzt. Das heißt, dass die Pflanzen direkt in Wasser wurzeln. Das Wasser ist wiederum mit Nährstoffen versehen. Im konventionellen Anbau sind diese Nährstoffe oft gelöster Kunstdünger. Für Hydroponik habe sich RecoveryPark aufgrund der besseren Steuerbarkeit des Anbaus entschieden, äußerte sich CEO Gary Wozniak. Ob Nährstoffe, Luft, Licht oder Abfallstoffe, all diese Faktoren könnten granularer gesteuert werden.
Der Anbau sei „naturnah, wie sein Großvater ihn in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts praktiziert habe“, so Wozniak. Bio-zertifiziert nach Vorgaben des USDA (das Landwirtschaftsministerium der USA) sei RecoveryPark allerdings nicht. Das Geld für die Zertifizierung wolle das Unternehmen nicht aufwenden.
Langfristig sollen die Mitarbeiter*innen am Unternehmen beteiligt werden. Die neue Unternehmensstruktur soll sich an der spanischen Mondragón Corporación Cooperativa orientieren, einem großen Zusammenschluss verschiedener Genossenschaften. Die Farmen werden in Corporations nach US-amerikanischem Recht ausgegliedert, RecoveryPark bleibt als gemeinnützige Organisation der Zusammenschluss all dieser Unternehmen. Heute bereits zu bemerken ist die Wiederbelebung von abgestorbenen Quartieren. Die wurden zugleich modernisiert, alte Natriumdampflampen wurden durch LED-Technologie ersetzt. Auch die geowissenschaftliche Behörde der USA, der USGS, arbeitete mit RecoveryPark zusammen, um den Abfluss von Regenwasser durch sogenannte Bioswales zu untersuchen.
An kleinen Beispielen wie RecoveryPark zu sehen, wie in den USA alternative Wirtschaftsmodelle entwickelt werden, die nicht nur ökologischer und sozialer sind, sondern einer ganzen Region zur wirtschaftlichen Prosperität verhelfen können.

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