Das neue KOSTBAR 2023

Die Wundertüte für ökologische Connoiseurs

Keno Westhoff
The Connoiseur.

The Connoiseur. Foto: The Gif Connoiseur.

Abokisten sind so etwas wie eine wöchentliche Wundertüte. Ein bisschen wie Nikolaus. Morgens muss die alte, leere Kiste wie der Stiefel vor die Tür gestellt werden, beim Nachhausekommen empfängt die Heimkommenden eine neue, gut gefüllte Kiste. Wie von Zauberhand kommen neue Lebensmittel in den Haushalt. Fantastisch! Lange kannte ich das Konzept einer Abokiste. Natürlich, KOSTBAR versammelt schließlich die Oldenburger Pioniere der Abokiste. Als KOSTBARer Online-Redakteur versuche ich das aktuelle Geschehen unserer Partner*innen zu verfolgen. Abokisten sind aktuell ein ganz heißes Thema. Intellektuell, so schien es mir, hatte ich das Konzept ganz gut durchdrungen. Intuitiv habe ich für mich wenig Nutzen gesehen.
Dann war ich Erasmus-Student in Linz. Auch in Österreich gibt es ein sogenanntes Biokisterl, sogar mit einem dazugehörigen Kochbuch. Ma, is des liab! Dazu muss man wissen, dass regionales Gemüse in Österreich ein Geschenk der Götter ist. Schließlich hörte ich von einer Wiener Medienkünstlerin und Game-Developerin mit Biokisterl. Was ich sah, beeindruckte mich:

Meine Vorstellung einer Abokiste wurde geradezu paradiesisch. Soweit die Prägung der Persönlichkeit. Nun kommen noch meine besonderen persönlichen Umstände dazu: Als Student an der Kunsthochschule in Bremen lebe ich allein in einem Stadtteil, den ich salopp aber liebevoll als Ghetto bezeichne. In der Nähe meiner Wohnung gibt es die üblichen Supermärkte, der nächste Bio-Supermarkt und brauchbare Wochenmarkt sind im benachbarten Stadtteil Findorff. Gutes und frisches Obst und Gemüse zu kriegen ist da gar nicht so einfach. Fleisch und Fisch sind mit Sicherheit noch schwieriger zu bekommen, aber davon ernähre ich mich nicht. In der Mensa kann kein Mensch mit durchschnittlichem Geschmackssinn ausreichend speisen, auch wenn das Personal herzallerliebst ist (liebe Grüße an das Studentenwerk Bremen). Überraschende und regionale und frische Lebensmittel, das war dagegen sehr überzeugend. Klick, riskierte ich es und registrierte mich online bei der Bremer Öko-Kiste. Nicht nur Gemüse und Obst waren da im Angebot, nein, es gab auch Brot! Von Hollen. Bremer wissen, das Brot von Hollen ist vorzüglich. Klick! Ab sofort war ich Abonnent und würde donnerstags beliefert werden.

Die erste Kisten-Lieferung.

Die erste Kisten-Lieferung.

Die erste Lieferung kam, ich nahm sie persönlich entgegen und war sehr angetan. Die emotionale Mischung aus Bescherung und Wundertüte traf in der Tat zu. „Das Glück, das nur die Ökos kennen“, hörte ich einen Chor aus Männern mit langen Bärten weit entfernt säuseln. Bereits in dieser ersten Woche nach Eintritt in die Kistengemeinschaft wirkte sich die kuratierte Lebensmittelauswahl auf mein Kochverhalten aus. Neue Zutaten erfordern neue Rezepte. Rüben! Was kann ich alles damit tun? Pürieren, braten, in den Backofen stellen! Rote Beete! Wofür ist die gut? Für den Salat, für die Bratpfanne, für Barszcz, um meinen polnischen Wurzeln gerecht zu werden! Die Abokiste: eine Reise in die persönliche Vergangenheit!
Wird dieser Erneuerungsdruck zu einer Kochblockade führen, fragte ich mich unterbewusst? Nein, das tat er nicht. Wenn ich keine neue Ideen und keine Zeit für das verrückte Gemüse habe, gehe ich nach Schema Asien vor, angelehnt, ihr werdet es geahnt haben, an die asiatische Küche. Gemüse in die Pfanne schnippeln, Sojasauce, Gewürze, Reis – fertig, Essen!
Ein weiteres neues Hobby, das ich durch die Kiste entdeckt habe, ist die massenhafte Zubereitung und Lagerung von Gemüsebrühe. Es ist sehr befriedigend, sich eine Menge Suppengrün in die Kiste packen zu lassen, um es in einen großen Topf zu werfen, ein paar Lorbeerblätter, Piment, Pfefferkörner hinzuzufügen und es dann stundenlang köcheln zu lassen. „Währenddessen baden gehen, umrühren, die Wohnung aufräumen, umrühren und dann noch länger köcheln lassen“, beschrieb ein Werkstattleiter an der Hochschule seinen Modus beim Brühe-Kochen. In der Tat ist es ein geradezu meditatives Ritual. Besser als Instantbrühe ist die selbstgekochte Brühe allemal.
Wenn ich Leuten von meiner neuen Kiste erzählte, waren die Reaktionen auffällig ähnlich formuliert: „Ja, eine Abokiste habe ich auch schon einmal erwägt.“ – „Klingt spannend, hauptsächlich saisonale Produkte zu bekommen!“ Wirklich ausprobiert hat es aber keiner.
Seltener Einkaufen gehe ich nicht. Das finde ich auch gut so. Dafür macht das Einkaufen mehr Spaß, wenn ich nicht mehr meinen Rucksack mit Gemüse und Obst propfen muss.
Am Anfang machte ich den Fehler und wollte die Kiste immer persönlich annehmen. Aus Angst, das Ghetto verwüstete meine ökologischen Güter, wenn ich sie vor die Tür stellte. Das hatte zur Folge, dass ich dann und wann genervt zuhause wartete, bis die Kiste endlich kam. Der bärtige Chor wurde leiser, Selbstzweifel: Das Projekt Kiste gescheitert?
Irgendwann traute ich mich und stellte die Kiste einfach nach draußen. Tatsächlich: Bisher wurde sie weder gestohlen noch zerstört. Sehr gut. Überraschend entspannt, wie es sich für eine Abokiste gehört.
So eine Kiste ist prima. Wenn ihr euch nicht sicher seid, ob es auch das Richtige für euch ist, probiert es einfach. Habt mehr Spaß beim Kochen, allein, zu zweit, in der Gruppe, in der Familie! Die Kiste: ein soziales Event! Guten Appetit!

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  1. THTRNG Antworten

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