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Supermärkte der Menschen durch die Menschen für die Menschen

Keno Westhoff
Der zukünftige Laden von SuperCoop in Berlin-Wedding.

Das aktuelle Lager von SuperCoop befindet sich in Berlin-Wedding. Hier soll auch der erste Laden eröffnen. Foto: SuperCoop Berlin.

Die Notwendigkeit für einen klima- und umweltfreundlicheren Lebensstil geht mit der Konzeption alternativer wirtschaftlicher Strukturen einher. Auf makropolitischer Ebene heißen diese beispielsweise Postwachstum oder Gemeinwohl-Ökonomie. Für diese kann ein Mensch lobbyieren, demonstrieren, kandidieren. Aber auch im Kleinen findet ein Ausprobieren statt. Gerade genossenschaftlich organisierte Strukturen gewinnen an Dynamik und Beliebtheit: Die Black Socialists of America führen in ihrer Dual Power Map eine Reihe von Genossenschaften und anderen Arbeiter*innen-eigenen Betrieben in den USA auf. Damit wollen sie proletarische Gegenentwürfe zum gegenwärtigen Kapitalismus aufzeigen. SoLaWis, Erzeuger*innen-Verbraucher*innen-Gemeinschaften und Bäuer*innenmärkte sind in Deutschland, dem Land von Raiffeisen, längst bekannt. Doch ein Modell fasst erst jetzt Fuß im deutschsprachigen Raum: der partizipative Supermarkt.
In den USA gibt es solche Läden schon seit den 1970ern-Jahren. Das bekannteste Beispiel ist die Park Slope Food Coop in Brooklyn. Stand 2018 waren dort über 17.000 Menschen Mitglieder. Nach Europa ist das Konzept in den 2010ern-Jahren gekommen und ist vor allem in Frankreich auf fruchtbaren Boden gestoßen. Doch was sind partizipative Supermärkte überhaupt? Die übergeordneten Ziele teilt ein partizipativer Supermarkt mit Food-Coops, EVGs und Konsumgenossenschaften, die länger und breiter in der deutschsprachigen Kultur verankert sind. Jutta Jösch fasste das in ihrem 1983 erschienen Buch „Konsumgenossenschaften und Food-Cooperatives“ wie folgt zusammen: „Konsumgenossenschaften wie food-coops waren/sind daran interessiert, ihren Mitgliedern qualitativ gute Lebensmittel zu günstigen Preisen zur Verfügung zu stellen, um damit am Markt bestehende Defizite zu beseitigen“. Dieser Versorgungsanspruch sei einem politischem Ziel übergeordnet: „Erreichen möchten [Konsumgenossenschaften und Food-Coops eine Lösung gesellschaftlicher Missstände] durch die Schaffung einer gerechteren Gesellschaftsordnung […].“ Inwiefern unterscheiden sich nun partizipative Supermärkte? Und warum ist dieser Unterschied ausschlaggebend?
Partizipative Supermärkte sind genossenschaftlich organisierte Läden, in denen nur Mitglieder einkaufen dürfen. Die Mitglieder sind außerdem dazu verpflichtet, im Supermarkt zu arbeiten. Jedes Mitglied ist also zugleich Kaptialeigentümer*in, Konsument*in und Arbeitskraft. Dadurch soll eine möglichst hierarchielose, egalitäre Teilhabe in die Struktur des Unternehmens verankert werden werden. „Ernährungsdemokratie bedeutet, dass Menschen in einer Gesellschaft nicht mehr passive Konsumenten sind, sondern aktiv das Ernährungssystem gestalten wollen und können und es dabei nach dem Konzept der Nachhaltigkeit ausrichten wollen“, schreibt die Koordinatorin des Ernährungsrats Oldenburg Judith Busch in ihrer Masterarbeit „Demokratisierung des Ernährungssystems“ an der Universität Bremen. Partizipative Supermärkte können also ein Meilenstein auf dem Weg zur Ernährungsdemokratie sein.
Konsumgenossenschaften und EVGs dagegen funktionieren nach dem Top-Bottom-Prinzip. Es gibt eine strikte Trennung zwischen Konsument*innen, Anbieter*innen und Angestellten.
Bei den Food-Coops lauert eine kleine Falle: Im englischsprachigen Raum werden auch partizipative Supermärkte als food coop bezeichnet. Im deutschsprachigen Raum sind damit Einkaufsgemeinschaften gemeint. Sie haben im Gegensatz zur Konsumgenossenschaft oft einen privaten und anarchistischen Charakter. Ohne Mitgliedsstatus erfährt man häufig nicht ohne Weiteres von deren Existenz, wohingegen Konsumgenossenschaften mit einem oder mehreren Läden im Stadtbild präsent sind. Dieser Underground-Charakter geht so weit, dass Food-Coops in Oberösterreich lange Zeit in einer wirtschaftlichen und gesetzlichen Grauzone operierten.
Bei partizipativen Supermärkten findet sich eine Mixtur aus der Welt der Konsumgenossenschaft und der Welt der Food-Coops. Sie sind genauso öffentlich sichtbar wie ein konventioneller Supermarkt, bieten aber das vertraute, familiäre Verhältnis einer Food-Coop.
Warum hat es nun so lange gedauert, bis dieses Modell in Deutschland, Österreich und der Schweiz angekommen ist? Zu dieser Frage weiß niemand eine definitive Antwort. Quentin Orain vom FoodHub München spekuliert, dass der Fokus in Deutschland auf andere Themen gesetzt worden sei.
Nun gibt es sie aber: Vorhaben in Berlin, Köln, München, Wien. So toll das Modell eines partizipativen Supermarkts erstmal klingen mag, funktioniert es denn wirklich? Soll das günstige nachhaltige Essen privilegierten Menschen vorbehalten sein? Angenommen eine Person arbeitet als alleinstehendes Elternteil ganztags in ihrem regulären Job und muss sich nach Feierabend um die Kinder kümmern? Dann noch eine Extraschicht im Supermarkt? Wie soll das funktionieren? Die Partizipation im Supermarkt beinhaltet Rechte und Pflichten. Die meisten Supermärkte versuchen dennoch möglichst flexibel mit dem Arbeitseinsatz umzugehen und die Arbeitszeit gering zu halten. „Grundsätzlich müssen alle 3 Stunden im Monat mitarbeiten, aber es gibt Ausnahmen, wie zum Beispiel Mutterschutz, Mitglieder im Rentenalter, mit Krankheit, etc. Am Ende stehen Menschen hinter dem Projekt und wir wollen die Teilhabe allen ermöglichen. Gerade gibt es zum Beispiel auch ‚Remote‘-Schichten, die man auch zu Hause am PC machen kann, wenn man nicht im Laden helfen kann/möchte“, so Johanna Kühner von SuperCoop Berlin. Auch werde der Mitgliedsbeitrag möglichst gering gehalten: „Wir wollen noch einen Solidartopf einrichten, aber klären noch, wie genau das am besten umzusetzen ist.“ SuperCoop will noch im Sommer 2021 ihren ersten Laden in Wedding eröffnen. Zusammen mit dem FoodHub München, der seinen Laden in Obergiesing ebenfalls diesen Sommer eröffnen möchte, wären sie unter den ersten Supermarktinitiativen, die ihre Ideen erfolgreich umgesetzt hätten.
Beide Projekte haben im letzten halben Jahr offiziell Genossenschaften gegründet. Oft operieren die Projekte vorläufig als GbR oder eingetragener Verein. Diese Gesellschaften sind einfacher zu gründen, bringen aber persönliche Haftung der Gesellschafter*innen beziehungsweise des Vorstands mit sich. Mathias Fiedler, Vorstand des Zentralverbands deutscher Konsumgenossenschaften, setzt sich für eine neue Rechtsform ein. Bei der eingetragenen Genossenschaft seien vor allem die finanziellen Hürden viel zu hoch. Es brauche daher eine sogenannte kleine eG. Bei anderen Rechtsformen ist das schon längst passiert: Seit 2008 gibt es die UG als vereinfachte Version der GmbH. Das verpflichtende Stammkapital von 25.000 Euro fällt bei einer UG weg. In Frankreich gibt es seit 1994 die S.A.S. als vereinfachte Aktiengesellschaft. Nicht so bei den Genossenschaften: Dort wurde nicht mehr Flexibilität bei der Wahl der Rechtsform geschaffen. Da fehle der politische Wille, so Fiedler. Bei den Organisator*innen der partizipativen Supermärkte mangelt es jedenfalls nicht am Willen und an Vorstellungskraft: Quentin Orain vom FoodHub München wünscht sich, dass bald auch ein partizipativer Supermarkt in Oldenburg eröffnet wird.

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