Ist die Arche Noah verloren?

Keno Westhoff
Saatgutfestival Sujet.

Foto: ARCHE NOAH / Schiltern.

In der kleinen niederösterreichischen Gemeinde Schiltern hat der Verein Arche Noah seinen Sitz. Für viele Deutsche mag dieser Name fremd sein, doch hat der Verein über 17 000 Mitglieder in Österreich und ganz Europa. Die Arche Noah ist laut den Statuten eine „Gesellschaft für die Erhaltung der Kulturpflanzenvielfalt und ihre Entwicklung“. Die ursprüngliche Idee bestand in einer dezentralen Vernetzung von Saatgut-Erhalter*innen: Gärtner*innen, Bäuer*innen kümmern sich an ihrem Wohnort um die Pflege einer bestimmten Sorte. Über das ein Mal im Jahr herausgegebene Sortenhandbuch ist sichtbar, wer für welche Sorte verantwortlich ist. Im ersten Jahreskatalog der Arche Noah von 1995 schrieb die Vereinsgründerin Nancy Arrowsmith über die Strukturen: „Denn – man verläßt sich darauf, daß eine Sammlung von einer Institution betreut wird. Doch plötzlich ist alles anders: Personelle Veränderungen, Auflösung der gesamten Einrichtung, Einflußnahme anderer Interessengruppen, falsche Entscheidungen über Erhaltung oder Lagerung, Weitergabe des Materials und die Sammlung ist gefährdet.“ Arrowsmith proklamierte Sicherheit für das Saatgut durch Dezentralität.
Ein wichtiges Ziel verfolgt die Arche Noah, das zu einer nachhaltigen Landwirtschaft beitragen kann. Doch seit einiger Zeit brodelt es im österreichischen Verein. Was ist passiert? Selbst in der österreichweiten Presse war zu lesen, dass verschiedene Strömungen im Verein gegeneinander kämpften und zu keiner Lösung kämen. Stattdessen zerbrach der Verein in immer kleinere Fraktionen. „Da haben zwei Leute eben maßgeblich, im Vorstand, in den Jahren ab 2011 dafür gesorgt, dass der Verein eine schlechte Richtung bekommen hat“, so Annette von der Aktiven Gruppe, die gegen den aktuellen Kurs des Vereins kämpft, im Interview mit Anne aus Dresden. Der Kern der Diskussion: Was ist überhaupt der Zweck des Vereins? Wofür soll er sich einsetzen, worauf sich beschränken? Soll er sich auf die Erhaltung von Saatgut konzentrieren? Soll er politische Lobbyarbeit leisten? Soll er im Bereich der Landwirtschaft arbeiten? Inwieweit schließt das Kooperationen mit bedeutenden Agrarunternehmen ein?

Im Laufe der Jahre wurde der Saatgut-Bestand zunehmend im Samenarchiv Schiltern konzentriert. Der Unternehmensberater Klaus Kirchner war für sehr kurze Zeit im Vorstand und hält die Zentralisierung des Saatguts für die „falsche Strategie“: „Dezentrale, mühsam zugängliche Orte für den Erhalt der Arten sind die intelligentere Strategie.“ Rückenwind bekommt Kirchner von Nadja Dorschner, Nokutula Mhene und Jan Urhahn. Sie betonen in einem Artikel für die Rosa-Luxemburg-Stiftung die Wichtigkeit von dezentraler Saatgutpflege: „Nötig ist der Aufbau dezentraler Saatgutbanken, die das lokale Saatgut schützen. Kleinbäuerliche Erzeuger*innen fürchten Biopiraterie und scheuen sich daher oftmals, ihr Saatgut öffentlichen Saatgutbanken zur Verfügung zu stellen, die zentral organisiert sind.“
Außerdem betont Annette von der Aktiven Gruppe die Funktion von „Pflanzen als Anzeiger für das Klima“. Würden verschiedene Sorten mit bestimmten Bedürfnissen an unterschiedlichen Orten gehalten, könne man die klimatische Entwicklung an den jeweiligen Orten nachvollziehen. Einigen Sorten würde es mittlerweile zu warm an Orten, die vor einigen Jahren noch optimal für diese gewesen seien. 2014 wurde das „Wissen um traditionellen Samenbau und Saatgutgewinnung“ auf Initiative der Arche Noah auf die Liste des Immateriellen Welterbes in Österreich aufgenommen. Was sich konkret dadurch verbessert, war für die Mitglieder nicht ersichtlich. Politisch gibt es durchaus einen Rahmen für bäuerliche und individuelle Saatgutpflege. „Die Annahme der UN-Erklärung über die ‚Rechte von Kleinbauern, -bäuerinnen und anderen Menschen, die in ländlichen Regionen arbeiten‘ durch die UN-Vollversammlung im Dezember 2018 war ein weiterer wichtiger Schritt zur Anerkennung von bäuerlichem Saatgut. In Artikel 19 der Erklärung wird erstmals ein Menschenrecht auf Saatgut formal festgehalten“, schreiben Nadja Dorschner, Nokutula Mhene und Jan Urhahn. Diese Erklärung wurde auf nationaler Ebene von keinem Staat umgesetzt, auch nicht von Österreich.

Als das Saatgut-Kompendium der Arche Noah in Schiltern zentralisiert worden war, machte sich der Vorstand Gedanken über ein Backup. Politische Rahmenbedingungen oder Naturkatastrophen könnten das Saatenarchiv jetzt ja gefährden. Also wurde die Diversitatis Stiftung unter Ägide des scheidenden Vereinsvorsitzenden Christian Schrefel in der Schweiz gegründet. „Sie haben dafür gesorgt, dass sie sich noch ein schönes Startgeld in Höhe von, ich glaube, 70 000 Schweizer Franken von der Arche Noah haben schenken lassen – also das haben sie sich quasi selber geschenkt“, so Annette von der Aktiven Gruppe. Dann seien sie in der Schweiz untergetaucht. Schrefel ist bis heute Präsident der Stiftung Schweizer Rechts. Der aktuelle Vereinsvorstand behauptet, ihm sei der Lagerort des Saatguts in der Schweiz nicht bekannt. Auf Nachfrage von KOSTBAR teilte die Diversitatis Stiftung mit: „Das halten wir für möglich“. Die Kommunikation zwischen dem Vorstand der Arche Noah und der Stiftung finden laut Diversitatis „nur via anwaltliche Schreiben“ statt, die von der Diversitatis iniitierten Gespräche seien „nicht lösungsorientiert“ verlaufen. Das Fehlverhalten geht laut der Schweizer Stiftung von der Arche Noah aus: „Die Diversitatis Stiftung kommt derzeit ihren Verpflichtungen gegenüber der Arche Noah nach (die Arche Noah umgekehrt nicht).“ Die Arche Noah sieht das anders, nach ihrer Darstellung wurde Saatgut aus dem eigenen Bestand entwendet.
Tatsächlich ist aber die finanzielle Lage des Vereins prekär. Schulden bei der Bank wurden gemacht, weil der Verein nicht mehr liquide war. Für Spender*innen ist zudem nicht einsehbar, wofür ihr Geld verwendet wird. Der Vorstand wird diesbezüglich wird zitiert: „Dass wir es nicht transparent zeigen, heißt nicht, dass wir es nicht zweckgebunden verwenden.“

Die Situation eskalierte, als der Vereinsvorstand Saatgut aus dem Archiv an die Saatzucht Gleisdorf verkaufte. Als problematisch wird dieser Verkauf gesehen, weil das Unternehmen zum Konzern RWA Raiffeisen Ware Austria AG gehört. Eben einer jener Markteilnehmerinnen, zu denen der Verein ein Gegenmodell bilden will. Konkret sind die gesamte Hirse- und Buchweizensammlung sowie einige Bohnensorten an die Saatzucht Gleisdorf verkauft worden. Bemerkenswert ist dieser Verkauf, weil die Saatzucht Gleisdorf geeignete Sorten als eigene Sorten anmelden oder aus den gekauften Sorten neue, zu patentierende Sorten züchten könnte. Der dazugehörige Vertrag ist bis heute nicht für die Mitglieder einsehbar. Mittlerweile wird befürchtet, auch Bayer könnte in Genuss von Arche-Noah-Saatgut kommen. Denn die RWA gehört zur Hälfte dem deutschen Konzern BayWA. BayWA hat den niederländischen Saatgutgroßhandel Ceferta übernommen, der wiederum eine sogenannte „Foodchain Partnership“ mit der Bayer AG pflegt. Außerdem ist sowohl die Saatzucht Gleisdorf als auch die RWA selbst Mitglied der Saatgut Austria, die neue gentechnische Methoden für die Saatgutentwicklung propagiert.
Klaus Kirchner resümiert: „Viele Mitglieder von Arche Noah e. V. haben Angst: Die von ihnen erhaltenen Pflanzen würden als ‚Ersatzteile für Patente‘ verwendet oder ihnen und dem Rest der Menschenheit durch Patentierung gestohlen.“ Für die Saatgutweitergabe bestehen derzeit keine Regeln trotz der Abgabe an Konzerne. Die Leiterin der Vereinskommunikation Elisabeth Plitzka teilt mit: „Da läuft noch ein interner Prozess (mit interner und externer Expertise).“ Diese Ungewissheit ließ die Mitglieder daran zweifeln, ob der Verein seinen Statuten noch nachkam. Klaus Kirchner schließt: „Arche Noah e. V. ist also kein ‚sicherer‘ oder ‚vertrauenwürdiger‘ Tresor für seltene Nutzpflanzenarten.“
Annette von der Aktiven Gruppe zweifelt an der Prinzipientreue des Vereins: „[Arche Noah] war eigentlich eine unheimlich idealistische Gruppe, wo jeder die gleiche Absichten hatte.“ In den Jahren 2015/16 erschien der letzte gedruckte Sortenkatalog. Mittlerweile werden die Erhalter*innen nur noch online geführt. Es fehlt ein unveränderlicher Beweis der Saatguterhaltung. Nur so kann sichergestellt werden, dass Saaten bei einem eventuellen Verkauf an einen Konzern nicht durch diesen patentiert werden können.
Die Befreiung von Saatgut streben Organisationen wie OpenSourceSeeds an. OpenSourceSeeds entwickelt eine freie Lizenz, die die Weitergabe von Saatgut erlaubt und eine Patentierung unterbindet. Die Position der Arche Noah zu diesen Konzepten ist vollständig ungeklärt, eine Zusammenarbeit mit anderen Organisationen wird aber nicht ausgeschlossen.
Mittlerweile ist zudem bestätigt, dass die Arche Noah Hybridsaatgut zukauft, obwohl es auf der Website heißt: „Der Verzicht auf Hybridzüchtungen ist dabei ein wichtiger Grundsatz; es wird ausschließlich mit samenfesten Sorten gearbeitet, deren Saatgut Jahr für Jahr wieder von Neuem angebaut werden kann.“ Nachhaltige Saatguterhaltung, quo vadis?

Wie kommt es, dass die Probleme im Verein sich so lange und hartnäckig halten? Immer wieder wird die intransparente Arbeitsweise des Vorstands und die Fokussierung auf Fundraising bemängelt. „Das, was eben die kleinen Erhalter bringen, das war plötzlich nicht mehr so interessant“, so Annette. Klaus Kirchner spricht sogar von einem Kleinhalten der Mitglieder: „Aus meiner Wahrnehmung spielen die Vorstandsmitglieder (und das tun sie heute immer noch, auch nach der letzten Wahl im Dezember 2019) den Mitgliedern vor, ‚alles wäre beim Alten‘ und ‚alles wäre unter Kontrolle‘, damit die Mitglieder im Verein bleiben, still schweigen und ihre Beiträge und Spenden aufbringen.“ Über seine kurze Zeit im Vereinsvorstand berichtet er im Interview mit schnitter.in: „Die Arbeitssituation im Vorstand war für mich völlig unerwartet: JedeR misstraute jedem, es gab keine Gespräche oder persönliche Treffen. Die ganze Kommunikation lief unter Zeitdruck über endlos scheinende E-Mail-Anmerkungen (in bis zu 100 Mails am Tag). Was ich an Anregungen zur Demokratisierung in die Mails stecken konnte habe ich einige Wochen lang getan, dann habe ich mit meinen Augen Probleme bekommen und das Handtuch geworfen. Meine Position wurde umgehend nachbesetzt – sicherlich nicht inhaltlich – das ist sehr schade. Aber meine Gesundheit ging mir vor.“
Klaus Kirchner weißt darauf hin, dass die Arche Noah ein sehr diverser Verein sei. Es gäbe untern den Mitgliedern „völlig unterschiedliche Interessensgruppen“. Sowohl über das Ziel als auch den Weg besteht keine Einigkeit: Einigen geht es ausschließlich um den Erhalt der alten Nutzpflanzen, einige verdienen Geld mit dem Anbau von Pflanzen, einige leben von den Strukturen des Vereins, …
Ein Leitbildprozess sollte den Verein unter Einbezug der Mitglieder neu aufstellen. Trotz des basisdemokratischen Anscheins hatte der Vorstand anscheinend kein Interesse an den Meinungen seiner Mitglieder. „Ich war selber in einer Arbeitsgruppe beteiligt. Und da haben wir eben festgestellt: Huch, ganz so gerne will man die Meinung der Mitglieder auch nicht hören, wenn sie sich nicht mit dem deckt, was sich die Mitarbeiter und die Geschäftsführung vorher für sich ausgedacht haben“, so Annette von der Aktiven Gruppe. Müsste nicht gerade ein basisdemokratisch gewachsener Verein wie die Arche Noah trotz der hohen Mitgliederzahl sinnvolle Wege der Meinungsbildung und Machtverteilung finden?

Die Situation eskalierte wiederum bei der Mitgliederversammlung am 14. Dezember 2019 in Wien, bei der die aktuellen Konflike angesprochen worden sind. Der Vorstand wurde trotz der Konflikte zum größten Teil von den anwesenden Mitgliedern bestätigt, ein Posten ging an eine Mitstreiterin der Aktiven Gruppe. Der Vorstand gab bekannt, weiterhin auf Verlust fahren zu wollen, bis „der Cashflow steil nach oben steigt“, wie der Kassier Christoph Mayer zitiert wird. Einige Anträge sollen unterschlagen worden sein, wie der Antrag auf Einstellung aller Kooperationen mit der Saatgutindustrie. Klaus Kirchner berichtet im Interview mit schnitter.in: „[E]s war durchaus gewalttätig: Vor der Veranstaltung gab es autoritäre Maßnahmen, Druck, Entlassungen, Geheimhaltungen (zum Beispiel wurden die Abschiedsschreiben der ausgeschiedenen Vorstandsmitglieder gezielt nicht veröffentlicht) und Missachtung engagierter Vereins-Mitglieder. Kurz vor der Mitgliederversammlung wurden zwei Personen in den Vorstand kooptiert, um Plätze vorzubesetzen.“ Begleitet wurde die Veranstaltung von Anwälten, die der Vorstand zu seiner Unterstützung engagiert hatte. Die Kommunikationsabteilung von Arche Noah rechtfertigt dieses Vorgehen wie folgt: „Zu den Rechtsanwälten – einer ist Mitglied und war als solcher anwesend, der andere ist der Anwalt des Vereins in all den laufenden Verfahren und hat auch bei der Prüfung Gemeinnützigkeit und dazu erforderliche Statutenänderung mitgewirkt. Um hier klare Auskünfte für Fragen vor Ort zu haben, wurde er vom Vorstand beigezogen.“
Am 14. Dezember könnten nicht alle Tagesordnungspunkte „trotz ausgedehnter Länge und großer Disziplin und Ausharrungsvermögen aller Beteiligten“ abgearbeitet werden, so die Kommunikationsabteilung. Die Mitgliederversammlung wurde darum am 1. Februar 2020 fortgesetzt. „Die Mitgliederversammlung 2. Teil war sehr turbulent, wieder wurde sie undemokratisch organisiert, alle nennenswerte Anträge unterdrückt und so weiter“, so die beiden zentralen Vertreter*innen der Aktiven Gruppe, Barbara Hable und Florian Walter. Sie haben als Konsequenz die Abgabe des von ihnen gepflegten Saatguts eingestellt. Elisabeth Plitzka, Leiterin der Kommunikationsabteilung, sieht den Verein dagegen auf einem guten Weg: „ARCHE NOAH als Organisation, die Mitglieder auf persönlicher Ebene, leisten dazu je nach Möglichkeit einen Beitrag, seit 30 Jahren. Für die Pessimisten ist das nur ein Tropfen auf dem [sic] heißen Stein – für die Zuversichtlichen gilt steter Tropfen höhlt den Stein. Wir bleiben dran!“
Wohin soll die Reise jedoch langfristig gehen? Klaus Kirchner hat KOSTBAR geraten, die Vorstandsmitglieder, vor allem den Obmann Johannes Maurer, selbst nach ihren Plänen zu fragen. Diese seien ihm unklar. Die Anfrage wurde nicht beantwortet. Weitere Anfragen an die Kommunikationsabteilung der Arche Noah wurden mit dem Hinweis auf fehlende Ressourcen zurückgewiesen. Stattdessen solle die Website des Vereins konsultiert werden. Die intransparente Odyssee der Arche Noah geht also weiter. Es steht viel auf dem Spiel: die freie Verfügbarkeit von Saatgut in Mitteleuropa, Biodiviersität und eine nachhaltige Landwirtschaft für die Zukunft.

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